Tochter des Windes


Es war mitten in der Nacht, und draußen fuhr der Wind um das Haus. Er schlug ungestüm gegen die Fenster, wirbelte die Blätter durcheinander und zog rastlos weiter. Der kleine Junge lag in seinem großen Bett und versuchte, nicht hinzuhören. "Das sind nur Blätter, das hat schon Papa vorhin gesagt. Und außerdem kann mir so ein Wind keine Angst machen!" - doch auf einmal knarrte das Fenster, und im Nu war er unter der Bettdecke verschwunden. Lachte ihn da etwa sein Teddy aus, der wacker über der Bettdecke geblieben war? "Pah" dachte er sich, und steckte seinen Kopf wieder heraus. Aber trotzdem, egal, was die Erwachsenen sagen mochten - so eine Sturmnacht war einfach unheimlich! Er beschloss, zum Fenster zu gehen und hinauszuschauen. Vorsichtig streckte er seine Füße aus dem Bett und kam sich im gleichen Moment lächerlich vor: Sein großer Bruder hätte sicher niemals Angst vor seltsamen Wesen unter dem Bett gehabt! Leise tappte er zum Fenster und schob den Vorhang beiseite.

Draußen jagten dunkle Wolken über den Himmel und verdeckten den Mond, der schwach am Himmel leuchtete. Der Wind heulte und die kahlen Bäume reckten sich in die Dunkelheit. Der kleine Junge erschauerte und wollte wieder ins Bett zurück, als er auf einmal etwas sah - es schien ihm, als hätte er in den ganzen Wirbeln aus Blättern und Luft ein Gesicht erblickt! "Nein, das kann gar nicht sein" dachte er. Doch tief in seinem Inneren weigerte sich etwas, wieder ins Bett zurückzuschlüpfen. Er preßte die Nase an die Scheibe, um genauer nach draußen sehen zu können. Auf einmal spürte er einen Hauch und sah auf der anderen Seite der Scheibe zwei große Augen, die ihn verwundert ansahen. Die beiden starrten sich an. Der kleine Junge versuchte zu erkennen, zu wem diese Augen gehörten. Er erkannte ein Gesicht, das von wirbelnden Haaren umrahmt wurde -es war ein Mädchen! Doch er konnte sie nicht richtig erfassen, andauernd verschwammen ihre Konturen vor seinen Augen, es schien, als wirbelte sie genauso wie ihre Haare herum.

"Wer bist du?" wisperte er leise, aus Angst, dieses seltsame und doch so wunderschöne Geschöpf zu vertreiben. "Ich bin die Tochter des Windes" hauchte es zurück, und er sah in den großen Augen ein Lachen blitzen. "Die Tochter des Windes?" Aber ich dachte...es sagen doch alle..." der kleine Junge zog erstaunt die Luft ein. "Was sagen alle?" kam es amüsiert zurück. "Wir lernen doch in der Schule, daß der Wind nur eine Naturerscheinung ist...eine Luftbewegung, die , wenn sie gewaltiger wird, großen Schaden anrichten kann" stammelte der Junge. "Was ist das bloß für eine Schule, in die du da gehst!" antwortete das Mädchen belustigt. "Mir scheint, eure Lehrer haben selbst keine Ahnung von der Welt!" und sie schüttelte den Kopf, daß die Haare nur umso mehr herumwirbelten. "Und außerdem" fügte der kleine Junge schüchtern hinzu, "außerdem fürchte ich mich vor dem Wind, wenn er in der Nacht über die Welt hinwegfegt!" "Ach, mein Vater ist manchmal etwas grob in seinem Übermut" lachte das Mädchen. Dann wurde jedoch ihre Stimme ernst: "Er würde nie jemandem etwas zuleide tun, und schon gar nicht dir. Es sind die Menschen, die nur allzuoft die Wirklichkeit nicht sehen können. "Und was ist die Wirklichkeit?" fragte der kleine Junge neugierig.

Das Mädchen schaute ihn lange an, und sie schien tief in sein Innerstes zu blicken. Dann sagte sie leise: "Ja - Vater hatte recht. Du bist nicht wie die anderen...du willst wissen, wie die Welt wirklich ist." Der kleine Junge war wie gefesselt von ihrem Blick und brachte nur mit Mühe heraus: "Was muß ich tun?" Das Gesicht des Mädchens wurde von einem strahlenden Lächeln erhellt - doch auf einmal fuhr ein großer Wirbel zwischen die beiden und ihre Augen waren voll Enttäuschung: "Vater sagt, daß ich jetzt gehen muß. Doch schon bald, in der Nacht, werde ich wiederkommen und dich mit mir mitnehmen - dann werde ich dir die Welt zeigen!" Ihr Gesicht verblaßte, und der Junge sah noch ein letztes Mal in ihre Augen, versank darin...eh sie mit wirbelnden Blättern weggetragen wurde, und alles nur noch wie ein Traum schien. Mit einem Seufzer kroch er zurück unter die Bettdecke und konnte an nichts anderes denken, als an das geheimnisvolle Mädchen - die Tochter des Windes....und er würde nie wieder in einer Sturmnacht Angst haben, schwor er sich -im Gegenteil, er konnte es kaum mehr erwarten, bis es wieder soweit war, und sie durch die Scheibe lachen würde, um ihn abzuholen - und um ihm die Welt zu zeigen, wie sie wirklich war.

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