Der Mann im Mond


Es war einmal ein kleines Mädchen, das lag nachts im Bett und konnte nicht schlafen. Die Mutter hatte ihr heiße Milch mit Honig gebracht - das half nicht. Der Vater hatte ihr eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt - das half auch nichts, und selbst der Teddy, der ihr ein Schlaflied ins Ohr wisperte, konnte ihre Augen nicht dazu bringen, sich zu schließen! Das kleine Mädchen lag im Bett, und der silberne Mond schien durchs Fenster und malte Schatten an die Wand. Sie erkannte ihr Puppenhaus mit all den Bewohnern, die in ihren Betten lagen. Sie erkannte ihre Spielzeugeisenbahn, die zufrieden schnaufend im Bahnhof stand und sie erkannte den Schatten ihrer Lieblingspuppe, die schlummernd im Puppenwagen lag. Das Mädchen seufzte tief: "Wieso können alle schlafen, nur ich nicht?" Doch auch der Teddy neben ihr konnte nur leise ins Kissen brummeln, und wußte keine Antwort.

Vorsichtig stand sie auf und lief barfuß in ihrem Nachthemd ans Fenster. Draußen war es totenstill, nur ab und zu flog eine Eule in der Ferne vorbei.Sie sah zum Himmel hoch und erblickte die vielen glitzernden Sterne. "Wie die wohl da hochkommen?" überlegte sie laut. Im Zimmer hörte sie, wie der Bär vor sich hingrummelte angesichts dieser Frage....aber er war ja auch nur ein Teddybär, der davon nix verstand! Still lächelnd schaute sie wieder empor: Ob da oben wohl jemand wohnte? Vielleicht auch ein kleines Mädchen wie sie, mit einem Puppenhaus und einem grummeligen Bären? Ihr Blick schweifte weiter über den klaren schwarzen Himmel und blieb am großen Vollmond hängen, der wie eine runde Scheibe dort oben hing. Fast wie eine große Glucke, die über ihre kleinen Sternküken wachte, während alles auf der Erde schlief, immer in der Angst, eines könnte zu neugierig sein und herunterfallen.

Das kleine Mädchen seufzte leise, als es den Mond ansah: "Wieso scheinst du nur so hell in mein Zimmer? Du bist schuld, daß ich nicht schlafen kann!" Doch auf einmal hörte sie etwas, und drehte sich erstaunt um. Der Teddy war inzwischen eingeschlafen - er konnte es also nicht gewesen sein. Auch sonst war alles still in ihrem Zimmer...bis auf diese Stimme. Jetzt hörte sie sie genauer: "Was soll ich denn sonst tun, kleines Erdenmädchen?" Auf einmal merkte sie, daß diese Stimme von weit entfernt kam, und doch in ihrer Nähe schien. "Wer bist du?" fragte sie, ängstlich und neugierig zugleich. Die Stimme lachte leise und freundlich: "Ich bin der, der dafür sorgt, daß es nachts nicht dunkel ist...Ich bin der, der mit seinem Licht die Menschen im Schlaf bewacht, der Dichtern Gedanken verleiht und der die Schatten deines Puppenhauses an die Wand malt. Ihr nennt mich auch den Mann im Mond." Das kleine Mädchen war für einen kurzen Moment sprachlos. "Aber ich dachte, es gibt dich gar nicht?" "Natürlich gibt es mich - sonst könnte ich jetzt wohl nicht mit dir sprechen......meinst du nicht?" Die Stimme klang sehr amüsiert. Nach einer kurzen Denkpause kam das Mädchen zu dem Schluß, daß das wohl logisch war. Doch ihre Neugierde war bei weitem noch nicht gestillt: "Wohnst du da oben ganz allein?" Jetzt klang die Stimme etwas traurig, als sie sagte: "Vor langer langer Zeit gab es auch eine Frau im Mond. Doch sie ging in die Ewigkeit - und seitdem passe ich auf die ganzen Sternenkinder auf." "Aber ist es dort oben nicht sehr einsam?" fragte das Mädchen mitfühlend. "Doch...das ist es."

Einen kurzen Moment lang herrschte Schweigen und es war, als stünde die Welt still, in einem Moment der vollkommenen Ruhe. Da faßte sich das Mädchen ein Herz und sagte schüchtern:"Aber wenn ich jetzt weiß, daß es dich gibt und daß du dich da oben so einsam fühlst...und wenn ich ja eh nicht schlafen kann, wegen deinem Licht..." Die Stimme lachte leise. "Dann könnten wir doch jede Nacht miteinander sprechen!" "Du bist wirklich ein sehr besonderes Mädchen" kam es sanft von oben. "Du hast ein großes Herz - und ich werde mich auf jede Nacht freuen! Doch jetzt mußt du schlafen, es ist schon sehr spät." Das kleine Mädchen schlich leise wieder in ihr Bett, der Teddy brummelte etwas, als sie ihn in den Arm nahm und ganz, ganz leise hörte sie, wie die unendlich sanfte Stimme begann, ihr Schlaflied zu singen: "Laaa leee luu, nur der Mann im Mond schaut zu..." So entstand dieses Lied - der Mann im Mond hatte es nur für das kleine Mädchen erfunden, das in dieser besonderen Nacht sein Herz für ihn geöffnet hatte.

Startseite